Einordnung des Soul
Innerhalb der Musikkritik war das Phänomen Soul insbesondere während der Sechziger- und Siebziger-Jahre nicht unumstritten. Weiße, aber auch schwarze Pop-Autoren warfen dem Soul insbesondere Kommerzialisierung der schwarzen Musik sowie einen Ausverkauf an den weißen Mainstream vor.
Ein Beispiel hierfür ist die aus dem Insider-Blickpunkt geschriebene Abhandlung des farbigen Musikautors Nelson George („Der Tod des Rhythm’n’Blues“), die insbesondere mit dem schwarzen Musikbusiness kritisch ins Gericht geht. Auch weiße Autoren – vor allem solche, die sich die gesellschaftsverändernden Ansprüche innerhalb der progressiven Rockmusik zu Eigen machten – äußerten sich mitunter in eine ähnliche Richtung: beispielsweise der britische Diskjockey Nik Cohn, dessen Mischung aus pointierter Kritik und Faszination die Haltung vieler linksliberaler aufgeklärter weißer Intellektueller während der späten Sechziger dokumentiert.
Seit den Neunzigern ist der kritische Akzent jedoch zunehmend in den Hintergrund getreten und einer Sichtweise gewichen, die die Verdienste des Soul betont bei der Entwicklung einer afroamerikanischen Popmusik. Ausführlich dargelegt wird dieser Entwicklungsstrang insbesondere in dem Sammelband „Chasin’ A Dream“.
Aufzuführen ist schließlich noch eine dritte, von einigen Jazz-Autoren ins Spiel gebrachte Darstellungsweise. Sie beschränkt sich bei der Darstellung des Soul meist auf jene Entwicklungsstränge, die unmittelbar mit der Jazz-Musik in Zusammenhang stehen. Die Tatsache, dass einige Jazz-Autoren den Begriff Soul stark oder sogar ausschließlich für den Jazz vereinnahmten, hat einerseits zu einer gewissen Irritierung bei der Einordnung dieser Stilrichtung geführt.
Da diese exklusive Sichtweise in der Pop-Historie jedoch nie Fuß fassen konnte, bildet sie ein eher randständiges Phänomen und spielt bei der historischen Einordnung der Soulmusik der Sechziger und Siebziger kaum noch eine Rolle.