Besondere Jazz Merkmale
- Die individuelle Tonbildung und Phrasierung,
- Schleiftöne und Blue Notes
- Eine mit erweiterten Akkorden angereicherte Funktions- oder Stufenharmonik,
- Kollektive und individuelle Improvisation,
- Call and Response zwischen den improvisierenden Musikern,
- Rhythmische Intensität und polyrhythmische Komplexität und Swingrhythmik,
- Spontaneität, Vitalität und Expressivität,
- Laut Archie Shepp „die Freiheit, viele Formen zu haben“.
Der Selbstausdruck des Interpreten, sein Charakter und seine Botschaft stehen im Mittelpunkt einer Jazz-Darbietung. Dies steht im Gegensatz zur europäischen Kunstmusik, bei welcher der Interpret sich den präzise notierten Kompositionen unterordnet und diese meist möglichst werkgetreu ausführt.
Ein wesentliches Merkmal des Jazz ist sein intensives Zeit- und Rhythmus-Gefühl. Dabei bleibt der 'swing' (klein geschrieben) an die Grundschläge, meist Viertelbeats, gebunden. Die darüber gespielten Melodien sind meist in kleineren Notenwerten und betonen oft Töne zwischen den Beats. Dadurch entsteht eine Spannung zum Grundschlag. Diese Phrasierung von Ensembles und Solisten ist individuell verschieden. Sie kann je nach Stilrichtung „binär“ (mit zweigeteiltem Puls) oder „ternär“ (mit dreigeteiltem Puls) oder bewusst nicht festgelegt sein (Free Jazz).
Ende der 1940er Jahre wurde die kubanische Polyrhythmik, in der sich genuin afrikanische Musiktraditionen erhalten hatten, wieder verstärkt in die Jazzrhythmik integriert. Auch danach beeinflussten hispanische oder lateinamerikanische Musikstile (Bossa Nova, Samba, Salsa, Tango, Son und Andere) den Jazz immer wieder als drittes Element neben der afrikanischen und europäischen Wechselbeziehung.
Improvisation
Jazz ist schwer zu definieren, aber Improvisation ist eine wichtige Kerneigenschaft. Sie war schon seit jeher ein Bestandteil der afrikanischen und afroamerikanischen Musikkultur und mit dem Prinzip des Call und Response verknüpft. Die genauen Improvisationstechniken haben sich im Laufe der Zeit verändert. Frühe Folk-Blues-Musik basierte oft auf einem Call- und Responsemuster, Text und Melodie wurden dabei durch Improvisation mitgestaltet.
Im Dixieland spielt manchmal ein Teil der Musiker die Melodie, die Anderen improvisieren Gegenmelodien dazu. In der Swing-Ära spielten die Big Bands sorgfältig nach Noten, dazu traten dann spontan Bandmitglieder mit kurzen improvisierten Solos heraus. Im Bebop verlagerte sich der Schwerpunkt weg von gut durchdachten Arrangements hin zu geschickten Improvisationen. Die Musiker schenkten der komponierten Melodie (bzw. dem sogenannten "Head", der am Beginn und am Ende eines Stückes gespielt wurde) nur noch relativ geringe Beachtung.
Spätere Jazzstile sind modal geprägt, so dass sie ohne vorherige Festlegung von Akkordfolgen auskommen und den Musikern freie Improvisation auf einer gegebenen Skala ermöglichen. Das beste Beispiel dafür ist das Album Kind of Blue von Miles Davis, das meistverkaufte Jazz-Album aller Zeiten. Improvisiert ein Pianist oder ein Gitarrist, während er einen Solisten begleitet, so nennt man das Comping. Eine Ostinatobegleitung zur Improvisation, aber auch kurze Motive, die die Struktur eines Stückes prägen, werden als Vamp bezeichnet.
Harmonik
Eine vollkommen eigenständige Jazzharmonik existiert im strengen Sinne nicht, da Jazz in der Gestaltung harmonischer Abläufe sehr weitgehend auf die in der europäischen Musik entwickelten Prinzipien wie Stimmführung und Funktionsharmonik zurückgreift. Diese werden in den verschiedenen Jazzstilen jeweils in unterschiedlicher Gewichtung angewendet. Typisch für die Harmonik des Jazz in ihrer gesamten bisherigen Entwicklung ist allerdings eine starke Bindung an die Melodik und allgemeine Ästhetik des Blues. Die Harmonik ist die Grundlage der Jazz-Improvisation, des Jazz-Arrangements und der Jazz-Komposition. Als eigenständige Musiktheorie ist sie relativ neu, da der Jazz sich nicht aus der Theorie, sondern vor allem aus der musikalischen Praxis entwickelt hat.
Melodik
Wie auch die Harmonik stammt die Jazzmelodik teilweise aus dem Blues. Sie baut auf der Pentatonik, der Tonleiter ohne die Halbtonschritte, auf. Dazu kamen die Blue Notes des Blues. Diese Töne lassen sich mit Blas- oder Saiteninstrumenten sehr gut erzeugen, mit Tasteninstrumenten allerdings nicht. Die Überlagerung von Moll-Melodik und Dur-Harmonik erzeugt den typischen Blues/Jazz-Klang. Zusätzlich wird eine Reihe verschiedener Tonleitern eingesetzt. Sie bilden im Wesentlichen die Akkorde und sind mit Spannungen (Tensions) und Durchgangs-Stufen angereichert.
Wichtige klassische Melodie-Instrumente des Jazz sind: Klarinette, Saxophon, Trompete, Kornett, Posaune.
Rhytmik
Der Rhythmus beim Jazz ist zwar eindeutig notiert, er wird aber im Bereich jenseits eines rhythmischen Rasters interpretiert und muss zum Beispiel auch in verschiedenen Geschwindigkeiten anders gespielt werden. Dabei trifft das afrikanische ternäre System mit Dreierunterteilungen auf ein europäisches binäres System (mit Zweier- bzw. geraden Unterteilungen). Dadurch hat sich hier (auch wie in der Melodik und Harmonik der Jazz-Musik) eine Art Fusion der beiden großen Kulturen im Nordamerika des ausgehenden 19. Jahrhunderts manifestiert.
Typisch ist auch der fließende und swingende Rhythmus (Swingrhythmik). Er entsteht durch unterschiedlich lange Betonungen von aufeinanderfolgenden gleichwertigen Zählzeiten und durch Betonung von normalerweise unbetonten Zählzeiten.
Wichtige klassische Rhythmus-Instrumente des Jazz sind: Schlagzeug, Piano, Vibraphon, Gitarre, Bass.
Jazz Standarts
Ein Jazzstandard ist eine Melodie mit festgelegter Harmoniefolge, die als Thema und Material einer Jazzimprovisation dient. Standards stammen seit etwa 1930 aus Schlagern, Chansons, Musicals, Filmmusik und Eigenkompositionen (vgl.: Original) von Jazzmusikern. Sie gehören zum Grundrepertoire eines traditionell orientierten Jazzmusikers. In den 1950er Jahren verwendeten Jazzmusiker wie Dizzy Gillespie, Miles Davis, Charlie Parker u.a. solche bereits bekannten Songs und schrieben neue Melodien über deren Akkordfolgen oder behielten die Melodie, veränderten aber die Akkordfolgen (Harmonien) dieser Songs. Auf diese Weise entstanden neue Standards. Die dabei neuentwickelten Themen werden mit dem Fachbegriff bebop head bezeichnet.
Jazzmusiker spielen diese Melodien und improvisieren darüber (bzw. über die durch Melodien gebildete Akkordfolge). Das ist in allen verschiedenen Stilrichtungen des Jazz so. Die musikalischen Übereinkünfte dafür variieren von Stil zu Stil. Viele Jazzgruppen greifen bei Auftritten auch auf eine Auswahl der im Jazz allgemein anerkannten Jazzstandards zurück, auf die sich verschiedene Musiker oft rasch gemeinsam verständigen können. Damit können sie ohne Probe ein Konzert geben, selbst wenn sie sich vorher noch nie getroffen haben. Auch auf spontanen Jazzmusikertreffen, den "Sessions", spielen Standards eine grundlegende Rolle.